Meldungen aus dem Landesverband Saar
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„Die Kleider der Zeit kann jeder selbst verändern: Machen wir sie bunt!“

Volkstrauertag in Saarbrücken: Deutsch-französische Gedenkstunde

Der Präfekt des département de Moselle, Pascal Bolot, wohnte der Veranstaltung zum ersten Mal bei. Sein Vorgänger kam in den letzten drei Jahren stets zum Volkstrauertag in Saarbrücken und Spicheren. Volksbund/Detlev Zägel

Alle Fotos, den Mitschnitt der Gedenkstunde und den Beitrag im Aktuellen Bericht finden Sie unter den Links am Ende der Seite. 

Am grenzüberschreitenden Volkstrauertag (16. November 2025) in Saarbrücken und Spicheren gedachten rund 200 Personen der Kriegstoten aller Nationen. Unter den Anwesenden waren hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Deutschland und Frankreich aus den Bereichen Politik, Militär, Blaulichtorganisationen, Kirchen sowie Vereine und Verbände. Auch viele Volksbundmitglieder wohnten der Gedenkstunde bei. Die Teilnahme des Präfekten des département de Moselle, Pascal Bolot, war ein starkes Zeichen für gelebte deutsch-französische Erinnerung. So beschrieb es auch der französische Generalkonsul Jérôme Spinoza in seiner Gedenkrede. 

Der Landesvorsitzende Alwin Theobald, MdL, begann sein Grußwort mit dem Rezitieren eines Gedichts: 

„Jede Zeit trägt ihr eigenes Kleid. Mal ist es zu eng, manchmal auch zu weit. Tiefes Blutrot in manchem Jahrzehnt, nicht selten mit Flecken, die aber niemand erwähnt. Trägt sie bunt und modisch, so fühlt man sich frei, doch schnürt sie sich ein, ist die Freiheit vorbei. Ihr Kleid wird dann mehr und mehr grauer, im schlimmsten Fall schwarz, als Zeichen von Trauer. Doch die Kleider der Zeit kann jeder selbst verändern: Machen wir sie bunt! Ganz ohne braun an den Rändern!“

Aline Theobald, Schülerin des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Lebach (2019)

„Wir haben Einfluss darauf, welche Farbe unsere Zeit annimmt. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass die Kleider unserer Zeit nicht eng, nicht grau und nicht schwarz werden. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass Freiheit, Menschlichkeit und Zusammenhalt das Muster dieses Kleides prägen“, so der Landesvorsitzende. 

Jérôme Spinoza, seit Anfang dieses Jahres französischer Generalkonsul in Saarbrücken, hielt seine Gedenkrede in beiden Sprachen. Er habe dieses Jahr schon an verschiedenen deutsch-französischen Gedenkveranstaltungen teilgenommen, sagte er, und spricht von einer „Gedenkbrüderschaft“. Dass Deutsche und Franzosen auf beiden Seiten gemeinsam gedenken, sei heute „so selbstverständlich, wie man es vor 80 Jahren nicht hätte träumen können. Die Erinnerung an eine schmerzhafte Vergangenheit hilft uns, uns vor Augen zu halten, was geschehen könnte, wenn wir aufhörten, uns für Brüderlichkeit in Europa einzusetzen. Wir sehen heute das Muster zurückkehren, das unser Kontinent 1914 und 1939 in die Katastrophe gestürzt hat.“ 

Feuersturm vor 80 Jahren wie durch ein Wunder überlebt

Klaus Feucht, gebürtiger Pforzheimer, erzählte von seiner Rettung vor 80 Jahren. Bei der Bombardierung seiner Heimatstadt am 23. Februar 1945 wurde er als kleiner Junge von einem Feuersturm in den Fluss geschleudert und von einem Ehepaar gerettet. Erst nach vielen Wochen erfuhren seine Eltern von dieser wundersamen Rettung und konnten ihn wieder in die Arme schließen. 

„300.000 Brandbomben entfachten eine Gluthitze bis zu 1.200 Grad. In wenigen Minuten kamen etwa 19.000 Menschen ums Leben. Sie verbrannten, erstickten oder wurden von Trümmern erschlagen. Darunter viele Kinder. Und französische Kriegsgefangene. Die französischen Soldaten, die am 8. April einmarschierten, waren erschüttert. Einer sagte: ‚On n’a jamais vu ça - une ville rasée jusqu’au coeur.‘ - eine Stadt zerstört bis ins Herz.“ 

Fiktives Tagebuch eines imaginären Soldaten des Zweiten Weltkriegs

Auch Jugendliche gestalteten die Gedenkstunde mit. Schülerinnen und Schüler vom Saarbrücker Gymnasium am Rotenbühl stellten aus verschiedenen Feldpostbriefen fiktive Tagebucheinträge eines imaginären Soldaten zusammen. Nachdem Jonna Montag erläutert hatte, was der Geschichts-LK erarbeitet hatte, trug Marilena Friese die Einträge vor, während Jan Deutsch den tagebuchschreibenden Soldaten darstellte. Am Schluss stellten sich alle Beteiligten gemeinsam auf. Farah Kassma und Lucienne Nikolaus fassten die Botschaft der Gruppe wie folgt zusammen: „Das Leiden dieser Menschen darf nicht vergessen werden, denn nur durch das Erinnern kann man den Opfern den Respekt gebühren, der ihnen damals genommen wurde und den sie verdienen. Wir gedenken jenen, die ihr Leben gaben, damit wir leben können.“ Zehn Schülerinnen und Schüler des Geschichts-LKs unter der Leitung von Oberstufenleiter Volker Simshäuser wohnten der Gedenkstunde in der Ludwigskirche und den Kranzniederlegungen bei. 

Traditionsgemäß verlas Landtagspräsidentin Heike Winzent das Totengedenken. Der Encore Kammerchor umrahmte die Gedenkstunde mit drei Liedern, dirigiert von Matthias Rajczyk und begleitet am Saxophon durch Cornell Wegmann. Die Orgel spielte Kirchenmusikdirektor Ulrich Seibert.

Kranzniederlegungen und Mitgliederehrung in Frankreich

Auf den Spicherer Höhen fanden drei Kranzniederlegungen statt. Die Schülerinnen Hannah Liedmann vom Deutsch-Französischen Gymnasium Saarbrücken, Ronja Göttel von der Schule St. Chrétienne La Salle in Saargemünd sowie Katho Fürst, Loie Lindner und Rena Alikshizada vom Rotenbühl-Gymnasium waren in besonderem Maße beteiligt. Sie trugen Feldpostbriefe auf Französisch, Englisch und Deutsch vor und legten die Kränze nieder. Der Landesvorsitzende Theobald trat mit verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern der beiden Länder sowie der Bundeswehr zum Gedenken vor. Auch der Präfekt Pascal Bolot legte einen Kranz nieder und salutierte schließlich zur Marseillaise. 

Der Gedenkzug aller Anwesenden marschierte vom französischen Hochkreuz zum amerikanischen Ehrenstein der 70th US-Infantery Division und schließlich zur deutschen Kriegsgräberstätte des Volksbundes. An allen drei Gedenkorten fanden die Kranzniederlegungen statt.

Die Anwesenden waren sowohl von den deutschen und französischen Ehrenzügen des Militärs als auch von den Fahnenträgern sehr beeindruckt. Musikalisch wurde die Zeremonie von der Harmonie municipale aus Spicheren untermalt. Spätestens nach „Ich hatt‘ einen Kameraden“ und der Europahymne zeigten sich viele sehr bewegt.

Zum Abschluss begrüßte der Bürgermeister von Spicheren, Claude Klein, alle Gäste im Spicherer Rathaus. Dort sprachen er sowie der Präfekt einige Worte zu den Anwesenden. Der Volksbundvorsitzende Theobald verlieh zwei langjährigen Mitgliedern zum Dank für ihre 30- bzw. 50-jährige Mitgliedschaft eine Urkunde, bevor er mit Bürgermeister Klein das Buffet eröffnete. 

Wir bedanken uns sehr herzlich vor allem bei allen Akteuren, aber auch bei all unseren Gästen, die es als wichtig erachten, den Volkstrauertag als nationalen Gedenktag wahrzunehmen. 

Amélie Zemlin-Kohlberger Assistentin für Öffentlichkeitsarbeit